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Tagestafeln (2)


Om mani padme hum
( --> franz.) ( --> span.) Zu den Tagestafeln von Renate Müller-Drehsen

von Wolfgang Becker

Nachfrage, 35 Tafeln 20x20 cm Sichtweiten, 35 Tafeln 20x20 cm Wendepunkt, 35 Tafeln 20x20 cm Impulse, 35 Tafeln 20x20 cm x, 35 Tafeln 20x20 cm Erinnerungen I, 35 Tafeln 20x20 cm
Der direkten visuellen Verständigung zwischen Schiffen dient noch heute das Internationale Flaggenalphabet, in dem für jeden Buchstaben eine kleine quadratische Bildfahne gehisst oder geschwenkt wird. Diese Tücher müssen weithin sichtbar sein, woraus folgt, dass sie lapidare Formteilungen und Farbkontraste enthalten: einen schwarzen Kreis auf weißem Feld, ein weißes Quadrat auf blauem Feld, ein Kreuz, ein Diagonalkreuz, senkrechte, waagerechte und diagonale Streifen. Die Bedeutung ist eng gefasst, das berühmte schwarze Quadrat auf weißem Grund des russischen Revolutionärs Kasimir Malewitsch würde in diesem Zusammenhang nicht mehr gelten als ein Buchstabe, der, sagen wir, für Havarie stünde.

Solche in Quadraten konstruierten Bilder sind Bausteine zu komplexen Zeichensystemen. Sie scheinen mit jenen Bildern der europäischen Kunstgeschichte nichts zu tun zu haben, die nicht quadratisch, sondern rechteckig sind, die ihre Herkunft aus Fenstern nicht verleugnen. Haben sich nicht erst im 20. Jahrhundert die europäischen Künstler von der Vorstellung befreien können, dass Bilder Blicke aus den Öffnungen ihrer Häuser in andere Welten darzustellen hätten?

Die europäischen Künstler haben aufgehört, eine geniale Erfindung zu nutzen, deren Autor das Ziel hatte, auf einem Stück Leinwand, das über sechs Holzlatten gespannt ist, mit Hilfe der Zentralperspektive die menschlichen Augen zu überlisten: sie würden auf dem flachen Tuch einen tiefen Raum erblicken. Seit dem 20. Jahrhundert sind die bemalten Tücher Bildgegenstände, die bedeutungsvoll gestaltet sind. Aber anders als die Bilder des Flaggenalphabets schließen sie sich nicht zu einer kognitiven Bildsprache zusammen, sondern stellen jedem Künstler im Gegenteil die Aufgabe, unverwechselbare Zeichen zu erfinden, die ausschließlich ihm gehören.

Das erscheint nachgerade unmöglich in einer dicht besiedelten Welt, in der globale Zeichensysteme die Kommunikation der Menschen untereinander regeln. Nur in einer unmenschlich anmutenden Anstrengung könnte es gelingen, ein autistisches System von Zeichen zu entwickeln, das niemand außer seinem Erfinder lesen könnte. Welche unendliche Scham würde diesen Menschen bewegen, sich vor allen anderen zu verbergen!

Renate Müller-Drehsen gehört nicht zu jenen Künstlern, die sich in ihren Bildern verbergen. Aber weder ihr persönlicher Hintergrund noch ihre Ausbildung an der Düsseldorfer Akademie bei dem wirkungsreichen Maler Gerhard Richter bestimmen sie andererseits dazu, ihre Bilder als ausdrucksstarke Psychogramme zu entwerfen. Malerei ist bei ihr zuerst eine handschriftliche Praxis, die andauert, die nicht auf ein Ziel gerichtet ist, sondern auf eine Entwicklung, nicht auf ein Resultat, sondern auf eine Reihe, eine Serie, eine Sequenz, einen Zyklus. Renate Müller-Drehsen hat begonnen, eine große Zahl von kleinen Bildern zu malen und in großen Tableaux zu ordnen.

Diese kleinen Bilder sind quadratisch wie die des Flaggenalphabets, und in der Tat tauchen auch hier Grundformen - der Kreis oder das Kreuz im Quadrat, senkrechte, waagerechte und diagonale Streifen - und leuchtende Primärfarben auf, aber zugleich erscheinen neben ihnen Fische, als blickten wir in ein Aquarium, oder Bäume, als näherten wir uns einer Landschaft, zwei menschliche Silhouetten packen sich an den Armen, ein historisches Porträt des Dichters Goethe wird ztiert, ein kalligrafierter Buchstabe, eine stilisierte Blüte - der Betrachter kann sich auf eine Autorin einstimmen, die in regelmäßigen Abständen ihre Alltagswirklichkeit, ihre Außenwelt einatmet, um sie, nachdem sie die Luft eine Zeitlang angehalten und die Bauchdecke gespannt hat, sanft in den gleitenden Pinsel hineinzudrücken.

Die Abstände könnten Tage sein: jeden Tag ein Bild (wie der koreanische Künstler Ik-Joong Kang 1996 8.490 10x10 cm große Tagesbilder ausgestellt hat). So kommt ein Protokoll zustande, das zeigt, wie sehr oder wie wenig die weltpolitischen Ereignisse eines Jahres in die Erlebnistiefe eines Menschen eindringen.

Ein kleines Tagesbild dieser Art erfordert eine höhere Konzentration als eine Tagebuchaufzeichnung, einen anderen Zustand der Abgeschiedenheit, der Sammlung, der nicht frei ist von Entäußerung, von einer Selbstbefreiung, die die lamaistischen Mönche erreichten, indem sie gleichförmig ihre Mantras sangen, deren berühmtestes eben jenes OM MANI PADME HUM ist: O Juwel in der Lotusblüte!

Der Ehrgeiz, in der großen Reihe von Zugriffen auf das Arsenal der zeichnerischen, malerischen Formen, der Bildzitate und der Symbole, in der Repetition der Quadrate wie in einem kontinuierlichen Rhythmus ein crescendo zu erreichen, eine Steigerung der Intensität der Wahrnehmung bis zur Andacht, wie sie ein Mandala erzeugt, ist in diesen Tableaux enthalten.

2002-03-24